Der Uhrmacher ist tot

Bernd Schwedler hat den MIST1 am Freitag, 31. Mai 2024, für immer verlassen. „Wir hätten ihn gerne noch viele Jahre hier gehabt“, sagte ein Stammtischbruder traurig, als wir am Abend vom Tod des Uhrmachers erfuhren. Er war schwer herzkrank, und in den letzten Jahren immer wieder im Krankenhaus nach einem Herzinfarkt, der ihn bereits vorübergehend ins Jenseits befördert hatte, wie er selbst sagte: „Ich war weg, haben die Ärzte mir gesagt.“ Zum Stammtisch am Freitag wollte er definitiv kommen; er hatte noch am Mittwoch frohen Mutes zugesagt, einen analogen Trafo und ein M-Gleis-Oval mitzubringen.

Bernd Schwedler

Bei WhatsApp, über das er mit einigen von uns in Social-Media-Kontakt stand, war ein Teddybär neben der Lokomotive sein Erkennungs-Emoji. Und irgendwie war er auch in seiner Ausgeglichenheit und Freundlichkeit wie dieses große Pelztier.
Bernd war eines der Ur-Mitglieder des MIST1 in Berlin. Seine M-Gleis-Anlage im Stil der 1960er-Jahre gehört zu den wenigen, die auf der Homepage mit einer Bildergalerie vorgestellt werden: https://mist1.de/anlagen/bernd-schwedler/ . Er war derjenige, der die Analog- und M-Gleis-Tradition hochhielt und immer wieder die alten Schätzchen auf der modernen Anlage aufleben ließ. Da passte alles, da gab es keinen Stilbruch.
Bernd hat in Zeiten der MIST-Krise entscheidend dazu beigetragen , dass wir uns wieder fangen konnten, etwa indem er geholfen hat, an allen Ecken der Stadt nach Ausweichquartieren zu suchen. Wer ihn begleitete, bekam eine ganz neue Sicht auf die Berliner Kneipenszene. Geholfen hat es insofern, als wir jetzt neben dem Max und Moritz eine zweite Residenz gefunden haben, die auch für jene Mitglieder erreichbar ist, die nicht mehr so gut Treppen steigen können.
Bernd traf man immer wieder auf Börsen, meist mit seiner Kerstin, die ihm sicher in den letzten Jahren viel geholfen hat. Er suchte meist Ersatzteile für sein Material und freute sich, wenn er ein Schnäppchen machen konnte.
Viele von uns können aber auch ein Lied davon singen, dass Bernd auch ein genialer Uhrmacher war. Im Schaufenster seines Ladens in der Dudenstraße 11 (drei Häuser neben dem Laden, in dem die Druckerei des Ex-Regierenden Michael Müller war) fühlte sich jeder, der etwas für die Uhrmacherkunst übrig hatte, gut aufgehoben. Wer von uns einen Zeitmesser, gleich welcher Größe (Bernd kannte sich mit Kirchturmuhren aus!) in reparaturbedürftigem Zustand hatte, war bei Uhren Maeckert https://www.uhren-maeckert.de/ gut aufgehoben. Wo andere einen mit „Lohnt sich nicht!“ oder „Gibt keine Ersatzteile mehr!“ abspeisten, klemmte sich Bernd die Monokel-Lupe vors Auge, legte Hand an und brachte wieder Schwung ins Räderwerk. Dementsprechend ist der Laden jetzt noch bis oben hin voll mit Reparaturaufträgen.
Es ist noch nicht lange her, da wurde bei ihm eingebrochen. Seitdem gab es noch stärkeres Glas im Schaufenster und Tür, und man musste vor der verschlossenen Tür warten, bis er aufschloss, denn mit brutalen Räubern wollte er sich trotz seiner imposanten Erscheinung nicht auseinandersetzen.
Ob er wirklich Schwarzwalduhrenspezialist war, habe ich nicht herausgefunden, aber der MIST hatte mal einen Außentermin in Mitte in einem Restaurant, das voll mit dieser ganz speziellen Sorte Timepieces (sie sind vor allem in USA beliebt) war. Für deren Pflege war er zuständig. Auch im Laden hingen etliche, deren Insassen pünktlich zur vollen Stunde aus dem Häuschen waren und „Kuckuck!“ riefen. Er erzählte mir mal, dass er irgendwann nach reiflicher Überlegung dazu übergegangen war, alle im Laden hängenden Uhren mit Schlüsselaufzug und einem Wochen-Laufwerk mittwochs aufzuziehen. Warum gerade mittwochs? „Weil das der Tag im Jahr ist, auf den langfristig die wenigsten Feiertage fallen.“ Da konnte er es während der regulären Arbeitszeit erledigen.
Nun müssen andere diese Uhren aufziehen. Und andere müssen beim MIST1 die alten Loks und Wagen in Ehren halten. Niemand wird es so machen wie Bernd. Und deshalb wird er uns stets in bester Erinnerung bleiben. Zu wünschen ist ihm, dass er dort, wo er jetzt ist, ruhig und gelassen weiter tüfteln kann. TR

Der legendäre neunteilige Schienenbus von Bernd. Im Hintergrund ist er mit seiner Kerstin gegen Ende des Films zu sehen. © Foto und Video: MIST1